Die Frage nach der Hölle gehört zu den schwierigsten und zugleich ernstesten Fragen des christlichen Glaubens.
Viele Menschen fragen:
Wenn Gott Liebe ist, wie kann es dann eine Hölle geben?
Andere fragen:
Kann ein barmherziger Gott einen Menschen für immer verdammen?
Um darauf zu antworten, dürfen wir die Hölle nicht zuerst als einen Ort betrachten, den Gott geschaffen hätte, um Menschen zu quälen. Wir müssen bei Gott selbst beginnen.
Die Heilige Schrift sagt:
„Gott ist Liebe.“
(1 Joh 4,8)
Und gerade von dieser Wahrheit aus müssen wir auch über Gericht, Sünde, Freiheit und ewiges Leben sprechen.
Jesus spricht im Evangelium sowohl vom ewigen Leben als auch von der Möglichkeit einer endgültigen Trennung von Gott.
Der Mensch ist zur Gemeinschaft mit Gott berufen. Er wurde nicht für Hass, Finsternis oder Verdammnis geschaffen, sondern für das Leben.
Gott ruft den Menschen.
Gott sucht den Menschen.
Gott vergibt.
Gott wartet.
Aber Gott zwingt den Menschen nicht, ihn zu lieben.
Hier liegt ein entscheidender Punkt:
Der Mensch kann zu Gott Ja sagen. Aber gerade weil seine Freiheit wirklich ist, kann er auch Nein sagen.
Die Hölle muss deshalb im tiefsten theologischen Sinn als die endgültige Trennung von Gott verstanden werden.
Wo Gott zurückgewiesen wird, wird auch das zurückgewiesen, was von ihm kommt:
Liebe, Licht, Wahrheit, Frieden und Gemeinschaft.
Das bedeutet nicht, dass Gott aufhört zu lieben. Es bedeutet, dass der Mensch sich dieser Liebe verschließen kann.
Wir können bereits während unseres irdischen Lebens etwas davon erfahren, was Trennung von Gott bedeutet.
Wo Hass das Herz beherrscht, entsteht Finsternis.
Wo Gewalt herrscht, wird das Leben zerstört.
Wo Egoismus jeden anderen Menschen verdrängt, entsteht Einsamkeit.
Wo Süchte den Menschen beherrschen, verliert er immer mehr seine innere Freiheit.
Wo jede Hoffnung verloren geht, kann das Leben wie eine innere Hölle erscheinen.
Das bedeutet nicht, dass jedes Leiden oder jede Krankheit eine Folge persönlicher Sünde wäre.
Es bedeutet vielmehr:
Die Sünde trägt die Fähigkeit in sich, den Menschen von Gott, von seinen Mitmenschen und schließlich von sich selbst zu trennen.
Viele Vorstellungen, die Menschen heute mit der Hölle verbinden, stammen nicht unmittelbar aus der Bibel, sondern wurden stark durch Kunst, Literatur und Volksfrömmigkeit geprägt.
Ein berühmtes Beispiel ist Dante Alighieris Göttliche Komödie.
Dante beschreibt verschiedene Bereiche der Hölle und verbindet bestimmte Sünden mit entsprechenden Folgen.
Diese Bilder dürfen nicht einfach wie eine geografische Beschreibung des Jenseits gelesen werden.
Sie können jedoch eine wichtige geistliche Wahrheit verdeutlichen:
Unsere Entscheidungen haben Folgen.
Die Sünde verändert den Menschen.
Wer sich ständig dem Hass hingibt, wird selbst vom Hass geprägt.
Wer nur nach Macht sucht, kann zum Gefangenen seiner Macht werden.
Wer ausschließlich für sich selbst lebt, verliert immer mehr die Fähigkeit zur Gemeinschaft.
Das ist eine ernste geistliche Wirklichkeit.
Aber das Evangelium endet nicht bei dieser Warnung.
Es ruft zur Umkehr.
Die christliche Tradition spricht auch von Engeln, die sich gegen Gott entschieden haben.
Die Gestalt Luzifers steht für diese Rebellion: ein Geschöpf, das sich aus freiem Willen gegen seinen Schöpfer erhebt.
Auch hier begegnen wir wieder dem Geheimnis der Freiheit.
Gott hat keine Maschinen geschaffen.
Er hat geistige Wesen mit Freiheit geschaffen.
Die gefallenen Engel leben nach christlichem Verständnis in einer endgültigen Trennung von Gott.
Doch eines muss deutlich gesagt werden:
Das Christentum kennt nicht zwei gleich mächtige Prinzipien – einen guten Gott und einen bösen Gott –, die miteinander um die Herrschaft kämpfen.
Gott allein ist Schöpfer.
Das Böse ist Gott nicht ebenbürtig.
Seine Macht ist begrenzt.
Die Mächte des Bösen können verführen, verwirren und zerstören wollen, aber sie besitzen nicht die letzte Herrschaft über die Schöpfung.
Der Mensch wurde nach dem Bild Gottes geschaffen.
Darum richtet sich die Rebellion gegen Gott auch gegen das, was sein Bild trägt.
Der Mensch wird versucht, die Gemeinschaft mit Gott zu verlassen und sich selbst zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen.
Schon die biblische Erzählung vom Sündenfall zeigt diese Versuchung:
Nicht mehr Gott soll bestimmen, was gut und böse ist – der Mensch möchte selbst an die Stelle Gottes treten.
Diese Versuchung begegnet uns bis heute:
Macht ohne Liebe.
Freiheit ohne Verantwortung.
Wissen ohne Weisheit.
Besitz ohne Teilen.
Religion ohne Barmherzigkeit.
Doch Christus zeigt einen anderen Weg.
Ja. Gerade weil Gott die Freiheit des Menschen ernst nimmt.
Ein Mensch kann sich bewusst gegen Liebe, Wahrheit und Barmherzigkeit entscheiden.
Er kann sein Herz immer weiter verhärten.
Er kann schwere Schuld begehen und jede Umkehr zurückweisen.
Aber wir dürfen niemals vorschnell über das ewige Schicksal eines bestimmten Menschen urteilen.
Wir sehen das Äußere.
Gott sieht das Herz.
Wir kennen einzelne Handlungen.
Gott kennt die ganze Geschichte eines Menschen, seine Freiheit, seine Wunden, seine Erkenntnis und seine Verantwortung.
Darum ist es nicht unsere Aufgabe, Menschen zu verdammen.
Unsere Aufgabe ist es, zur Umkehr, zur Versöhnung und zur Hoffnung zu rufen.
Denn Gott will nicht den Untergang des Menschen.
Er ruft ihn zum Leben.
Das Zentrum des christlichen Glaubens ist nicht die Hölle.
Das Zentrum unseres Glaubens ist Jesus Christus.
Durch sein Kreuz und seine Auferstehung hat Christus Sünde und Tod besiegt.
Darum verkündet die Kirche nicht zuerst Angst.
Sie verkündet:
Hoffnung.
Sie verkündet:
Vergebung.
Sie verkündet:
Auferstehung.
Sie verkündet:
ewiges Leben.
Das Kreuz zeigt uns zugleich zwei Wahrheiten.
Es zeigt, wie ernst die Sünde ist.
Aber es zeigt noch viel stärker, wie weit die Liebe Gottes geht, um den Menschen zu retten.
Christus sucht den verlorenen Menschen.
Er geht dem Sünder entgegen.
Er richtet den Gefallenen wieder auf.
Er vergibt dem, der umkehrt.
Manchmal wird Barmherzigkeit so verstanden, als wäre Gott alles gleichgültig.
Doch echte Barmherzigkeit sagt nicht:
„Es spielt keine Rolle, wie du lebst.“
Barmherzigkeit sagt:
„Komm zurück.“
Sie sagt:
„Steh wieder auf.“
Sie sagt:
„Deine Sünde muss nicht das letzte Wort über dein Leben haben.“
Gott nimmt die Sünde ernst, gerade weil er den Menschen ernst nimmt.
Und weil er den Menschen liebt, ruft er ihn zur Veränderung.
Kein Mensch sollte sagen:
„Für mich gibt es keine Hoffnung mehr.“
Kein Mensch sollte glauben:
„Gott kann mir nicht mehr vergeben.“
Das Evangelium zeigt immer wieder Menschen, deren Leben durch die Begegnung mit Christus verändert wurde.
Der Sünder kann umkehren.
Der Gefallene kann wieder aufstehen.
Der Verlorene kann zurückkehren.
Der Hassende kann lernen zu vergeben.
Der Verzweifelte kann neue Hoffnung finden.
Darum darf die Verkündigung über die Hölle niemals dazu dienen, Menschen psychologisch zu terrorisieren oder mit Angst zu beherrschen.
Die Warnung des Evangeliums hat ein anderes Ziel:
den Menschen zum Leben zu führen.
Der christliche Glaube nimmt das Gericht Gottes ernst.
Unsere Entscheidungen sind nicht bedeutungslos.
Wie wir mit anderen Menschen umgehen, ist nicht bedeutungslos.
Ob wir lieben oder hassen, vergeben oder zerstören, helfen oder gleichgültig bleiben, hat geistliches Gewicht.
Doch der Richter ist derselbe Christus, der sein Leben für die Menschen hingegeben hat.
Darum gehören im christlichen Glauben Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zusammen.
Wir dürfen das Gericht nicht abschaffen.
Aber wir dürfen auch die Barmherzigkeit Gottes nicht begrenzen.
Die wichtigste Frage lautet deshalb nicht:
„Wer kommt in die Hölle?“
Die wichtigere Frage lautet:
„Wie lebe ich heute in Gemeinschaft mit Gott?“
Lebe ich in Liebe?
Kann ich vergeben?
Suche ich Versöhnung?
Helfe ich dem Menschen, der mich braucht?
Kann ich meine eigenen Fehler erkennen?
Bin ich bereit umzukehren?
Sehe ich im anderen Menschen noch das Bild Gottes?
Das sind die Fragen, die unser geistliches Leben verändern.
Als Christen leben wir nicht aus Angst vor der Verdammnis.
Wir leben aus der Hoffnung auf Christus.
Die Hölle erinnert uns daran, dass unsere Freiheit ernst ist und unsere Entscheidungen Folgen haben.
Doch das Evangelium erinnert uns an etwas noch Größeres:
Gott sucht den Menschen.
Christus ruft den Menschen.
Die Barmherzigkeit öffnet den Weg zur Umkehr.
Das Kreuz eröffnet den Weg zur Versöhnung.
Die Auferstehung verkündet, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Darum soll niemand verzweifeln.
Solange der Mensch lebt, soll er sein Herz Gott öffnen, umkehren, vergeben, lieben und neu beginnen.
Denn Christus ist nicht gekommen, um den Menschen in die Finsternis zu führen.
Er ist gekommen, um ihn aus der Finsternis herauszuführen.
„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“
(Joh 8,12)
Erzbischof Gioacchino (Gino) Collica
Katholikos der Katholisch-Apostolische Kirche Europa