Wenn wir vom Heiligen Geist sprechen, sprechen wir nicht von einer unpersönlichen Kraft, einer Energie oder nur von einem Symbol.
Der Heilige Geist ist Gott.
Er ist die dritte Person der Heiligen Dreifaltigkeit: Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Jesus selbst verheißt seinen Jüngern:
„Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll: den Geist der Wahrheit.“
(vgl. Joh 14,16–17)
Der Heilige Geist ist der Beistand, der Tröster und der Geist der Wahrheit.
Er wohnt im Menschen.
Er heiligt.
Er führt.
Er tröstet.
Er schenkt Kraft.
Er gibt Leben.
Und er macht die Kirche lebendig.
Schon am Anfang der Heiligen Schrift lesen wir:
„Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.“
(vgl. Gen 1,2)
Der Geist Gottes ist von Anfang an gegenwärtig.
Die Heilige Schrift verwendet verschiedene Bilder, um sein Wirken verständlich zu machen.
Wir können den Wind nicht sehen, aber wir erkennen seine Wirkung.
So ist auch der Heilige Geist unsichtbar und dennoch in seinem Wirken erkennbar.
An Pfingsten erscheint der Heilige Geist wie Feuer.
Feuer wärmt.
Feuer erleuchtet.
Feuer reinigt.
Und Feuer verwandelt.
Wasser schenkt Leben und reinigt.
So erneuert der Heilige Geist den Menschen und schenkt ihm neues Leben.
Bei der Taufe Jesu erscheint der Geist Gottes wie eine Taube.
Sie wird zum Zeichen der Gegenwart, des Friedens und der Nähe Gottes.
Diese Zeichen sind jedoch nicht der Heilige Geist selbst.
Sie helfen uns lediglich, sein Wirken zu verstehen.
Durch die Taufe beginnt nicht nur unsere Zugehörigkeit zu einer kirchlichen Gemeinschaft.
Etwas viel Tieferes geschieht:
Der Mensch wird zum Tempel des Heiligen Geistes.
Paulus schreibt:
„Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“
(1 Kor 3,16)
Das verändert unsere Sicht auf den Menschen.
Der menschliche Körper besitzt Würde.
Die menschliche Seele besitzt Würde.
Jeder Mensch ist zur Gemeinschaft mit Gott berufen.
Der Heilige Geist möchte den Menschen von innen her erneuern.
Er möchte unsere Gedanken reinigen.
Unsere Herzen heilen.
Unsere Entscheidungen führen.
Unsere Liebe vertiefen.
Und uns immer mehr Christus ähnlich machen.
Die christliche Tradition spricht auf Grundlage von Jesaja 11,2–3 von den sieben Gaben des Heiligen Geistes.
Diese Gaben dienen zunächst der Heiligung und Führung des Menschen.
Weisheit bedeutet nicht einfach, viel Wissen zu besitzen.
Sie lässt uns das Leben mit den Augen Gottes betrachten und erkennen, was wirklich wichtig ist.
Die Einsicht hilft uns, die Wahrheit Gottes und die Geheimnisse des Glaubens tiefer zu verstehen.
Der Rat hilft uns, zwischen verschiedenen Wegen zu unterscheiden und gute Entscheidungen zu treffen.
Die Stärke schenkt uns Mut und Standhaftigkeit.
Sie hilft uns, auch in Schwierigkeiten dem Guten treu zu bleiben.
Die Erkenntnis hilft uns, die Schöpfung, unser Leben und unsere Berufung in Beziehung zu Gott zu sehen.
Die Frömmigkeit führt uns zu einer lebendigen, vertrauensvollen Beziehung mit Gott.
Sie öffnet zugleich unser Herz für unsere Brüder und Schwestern.
Gottesfurcht bedeutet nicht Angst vor Gott.
Sie bedeutet Ehrfurcht.
Sie ist das Bewusstsein seiner Größe und zugleich der Wunsch, die Gemeinschaft mit ihm niemals zu verlieren.
Hier ist eine wichtige Unterscheidung notwendig.
Paulus sagt:
„Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt.“
(1 Kor 12,7)
Das ist der Schlüssel zum Verständnis der Charismen.
Ein Charisma ist kein persönlicher Orden.
Es ist kein Zeichen dafür, dass jemand heiliger oder wichtiger als andere Menschen wäre.
Es ist keine Macht, über die ein Mensch verfügen kann.
Paulus nennt verschiedene Charismen.
Unter ihnen finden wir:
das Charisma der Heilung,
das Charisma des Glaubens,
das Charisma der Prophetie,
das Wort der Weisheit,
das Wort der Erkenntnis,
die Unterscheidung der Geister,
die Zungenrede
und die Auslegung der Zungenrede.
Daneben gibt es weitere Charismen des Dienstes, der Leitung, der Lehre, der Barmherzigkeit und der Begleitung.
Der Heilige Geist schenkt nicht jedem Menschen dieselbe Gabe.
Warum?
Weil auch nicht jeder Mensch dieselbe Aufgabe in der Kirche besitzt.
Das Evangelium zeigt uns Jesus immer wieder bei Kranken.
Er sieht nicht nur eine Krankheit.
Er sieht den Menschen.
Er berührt.
Er hört.
Er richtet auf.
Er heilt.
Auch seinen Jüngern gibt Christus den Auftrag, für Kranke zu beten.
Das Charisma der Heilung bedeutet jedoch niemals, dass ein Mensch selbst die Quelle der Heilung wäre.
Der Mensch dient.
Darum darf ein Heilungscharisma niemals zur Selbstdarstellung oder zum Geschäft werden.
Derjenige, der für einen Kranken betet, soll nicht sich selbst verkünden.
Er soll Christus verkünden.
Und wenn eine körperliche Heilung nicht geschieht, bedeutet das nicht, dass der Kranke zu wenig Glauben besitzt.
Auch dann bleibt Gott gegenwärtig.
Christus begegnet im Evangelium auch Menschen, die geistlich gebunden und bedrängt sind.
Er bringt Freiheit.
Doch gerade im Bereich der Befreiung braucht es große geistliche Reife, Demut und Unterscheidung.
Nicht jedes psychische Leiden ist dämonisch.
Nicht jede Krankheit ist geistliche Bedrängnis.
Nicht jedes menschliche Problem braucht ein Befreiungsgebet.
Darum darf das Charisma der Befreiung niemals Angst erzeugen.
Er versklavt nicht.
Echte Befreiung führt zu Frieden, Wahrheit, innerer Freiheit und einer tieferen Beziehung zu Gott.
Prophetie bedeutet nicht einfach, zukünftige Ereignisse vorherzusagen.
Der biblische Prophet verkündet das Wort Gottes.
Er ruft zur Umkehr.
Er ermutigt.
Er korrigiert.
Er tröstet.
Er erinnert die Menschen daran, was Gott von ihnen erwartet.
Darum muss jede prophetische Aussage geprüft werden.
Paulus sagt:
„Prüft alles und behaltet das Gute!“
(1 Thess 5,21)
Niemand darf die Worte:
„Gott hat mir gesagt …“
benutzen, um andere Menschen zu kontrollieren.
Das echte prophetische Charisma führt nicht zur Herrschaft eines Menschen über andere.
Es führt zu Gott.
Diese Gabe ist besonders wichtig.
Denn in uns können verschiedene Stimmen sprechen.
Die Stimme Gottes.
Aber auch unsere Wünsche.
Unsere Ängste.
Unsere Leidenschaften.
Unser Stolz.
Unser Egoismus.
Unser Wunsch nach Macht oder Anerkennung.
Darum müssen wir lernen, still zu werden.
Erst im inneren Schweigen können wir besser unterscheiden:
Was führt zu Christus?
Was führt zur Liebe?
Was führt zur Wahrheit?
Was führt zum Frieden?
Und was führt zu Egoismus, Angst, Hochmut oder Spaltung?
Der Heilige Geist führt niemals weg von Christus.
Auch die Zungenrede wird im Neuen Testament als Charisma erwähnt.
Sie kann eine Form des Gebetes und des Lobpreises sein.
Aber Paulus macht deutlich, dass auch dieses Charisma geordnet und zum Aufbau der Gemeinschaft gebraucht werden muss.
Ein Charisma darf niemals zum Wettbewerb werden.
Niemand ist ein besserer Christ, weil er eine außergewöhnliche Gabe besitzt.
Und niemand ist ein schlechterer Christ, weil er diese Gabe nicht besitzt.
Nach seiner Lehre über die Charismen spricht Paulus über einen Weg, der alles überragt:
Er sagt:
„Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.“
(vgl. 1 Kor 13,1)
Das bedeutet:
Ich kann predigen.
Ich kann lehren.
Ich kann von Heilungen sprechen.
Ich kann prophetische Worte haben.
Ich kann außergewöhnliche geistliche Erfahrungen machen.
Aber wenn ich nicht liebe, habe ich das Wesentliche nicht verstanden.
Wie können wir erkennen, ob der Heilige Geist wirklich im Leben eines Menschen wirkt?
Nicht nur durch außergewöhnliche Erscheinungen.
Paulus nennt die Früchte des Geistes:
„Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.“
(vgl. Gal 5,22–23)
Das ist ein wichtiger Prüfstein.
Wenn jemand behauptet, große Charismen zu besitzen, aber ständig Hass, Hochmut, Spaltung und Unfrieden hervorbringt, müssen wir vorsichtig sein.
Wo der Geist Gottes wirkt, soll die Liebe wachsen.
An Pfingsten geschieht etwas Besonderes.
Menschen verschiedener Sprachen und Herkunft hören die Botschaft Christi.
Die Unterschiede verschwinden nicht.
Aber sie werden nicht mehr zum Grund der Trennung.
Darum kann die Kirche unterschiedliche Traditionen, Sprachen, Liturgien und geistliche Ausdrucksformen kennen und dennoch in Christus verbunden sein.
Der Heilige Geist macht nicht alle Menschen gleich.
Er verbindet unterschiedliche Menschen zu einem Leib.
Paulus sagt:
„Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist.“
(vgl. 1 Kor 12,4)
Wir können den Heiligen Geist nicht besitzen.
Wir können ihn nicht kontrollieren.
Wir können ihn nicht zwingen, nach unseren Vorstellungen zu handeln.
Aber wir können unser Herz öffnen.
Durch Gebet.
Durch die Heilige Schrift.
Durch die Sakramente.
Durch die Eucharistie.
Durch Fasten.
Durch Stille.
Durch Umkehr.
Durch tätige Nächstenliebe.
Und vor allem durch ein demütiges Herz.
Wir dürfen jeden Tag beten:
Nicht nur:
„Gib mir eine Gabe.“
Sondern:
„Verändere mich.“
„Führe mich.“
„Zeige mir, wo du mich brauchst.“
Der Heilige Geist ist die Seele der Kirche.
Ohne ihn haben wir vielleicht Gebäude, Strukturen und Organisationen – aber kein geistliches Leben.
Ohne ihn können wir über Christus sprechen, ohne Christus wirklich zu bezeugen.
Der Heilige Geist aber macht lebendig.
Er heiligt.
Er tröstet.
Er führt.
Er schenkt Gaben.
Er schenkt Charismen.
Und er sendet uns zu den Menschen.
Darum sollen wir nicht danach suchen, außergewöhnlich zu erscheinen.
Wir sollen danach fragen:
Denn der Heilige Geist gibt seine Gaben nicht zur Verherrlichung des Menschen.
Er gibt sie zur Verherrlichung Christi, zum Aufbau der Kirche und zum Dienst an den Menschen.
Komm, Heiliger Geist.
Erfülle die Herzen deiner Gläubigen.
Entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe.
Erneuere deine Kirche und mache uns zu lebendigen Zeugen Jesu Christi.
Gioacchino (Gino) Collica
Erzbischof und Katholikos
Katholisch-Apostolische Kirche Europa