Jeder Mensch kennt Versuchungen.
Manchmal sind sie offensichtlich. Manchmal aber erscheinen sie zunächst vernünftig, angenehm oder sogar gut.
Gerade deshalb ist die Versuchung nicht immer leicht zu erkennen.
In unserem Inneren sprechen viele Stimmen.
Da ist die Stimme unserer Wünsche.
Die Stimme unserer Ängste.
Die Stimme unserer Leidenschaften.
Die Stimme unseres Stolzes.
Die Stimme unseres Egoismus.
Die Stimme des Bedürfnisses nach Anerkennung.
Die Stimme des Verlangens nach Macht.
Und mitten unter all diesen Stimmen versuchen wir, eine andere Stimme zu erkennen:
Aber wie können wir wissen, welche Stimme von Gott kommt?
Wie können wir zwischen einem eigenen Wunsch und einer göttlichen Eingebung unterscheiden?
Und warum ist die Stille für das geistliche Leben so wichtig?
Versuchung bedeutet nicht bereits Sünde.
Auch Jesus wurde versucht.
Das Evangelium berichtet, dass Jesus nach seiner Taufe in die Wüste ging und dort versucht wurde.
„Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel versucht werden.“
(Mt 4,1)
Versucht zu werden bedeutet also nicht, dass ein Mensch schlecht ist.
Die entscheidende Frage lautet:
Eine Versuchung bietet mir einen Weg an.
Sie versucht, meinen Willen zu beeinflussen.
Aber zwischen der Versuchung und meiner Entscheidung liegt meine Freiheit.
Ich kann zustimmen.
Ich kann widerstehen.
Ich kann innehalten.
Ich kann beten.
Ich kann prüfen.
Wir stellen uns das Böse manchmal zu einfach vor.
Wir erwarten, dass eine Versuchung sofort als etwas Schlechtes erkennbar ist.
Doch häufig funktioniert sie anders.
Im Evangelium sagt der Versucher zu Jesus:
„Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird.“
(vgl. Mt 4,3)
Was wäre grundsätzlich falsch daran, Brot zu machen?
Jesus hatte Hunger.
Brot ist etwas Gutes.
Und gerade hier erkennen wir etwas Entscheidendes:
Die Frage ist nicht nur:
„Ist diese Sache gut?“
Wir müssen auch fragen:
„Warum möchte ich sie?“
„Wohin führt sie mich?“
„Welche Stimme spricht gerade in mir?“
Der Mensch trägt eine ganze innere Welt in sich.
Manchmal sagen wir:
„Mein Herz sagt mir, dass ich das tun soll.“
Aber nicht jedes Gefühl ist die Stimme Gottes.
In unserem Inneren können viele verschiedene Stimmen sprechen.
„Ich will es, also muss es richtig sein.“
„Tu es nicht, sonst könnte etwas passieren.“
„Zeige ihnen, wer du bist.“
„Denke zuerst an dich selbst.“
„Ich möchte es jetzt. Die Folgen interessieren mich später.“
„Du musst gewinnen. Du musst bestimmen. Du musst stärker sein als die anderen.“
„Vergib nicht. Erinnere dich daran, was sie dir angetan haben.“
Und zwischen diesen Stimmen kann die leise Stimme Gottes beinahe untergehen.
Darum braucht der Mensch geistliche Unterscheidung.
Warum ist die Stille im geistlichen Leben so wichtig?
Weil Stille nicht einfach bedeutet, dass unser Mund nichts sagt.
Vor Gott muss die Stimme des Egoismus schweigen.
Die Stimme der Angst muss schweigen.
Die Stimme des Stolzes muss schweigen.
Die Stimme der Macht muss schweigen.
Die Stimme unserer ungeordneten Leidenschaften muss schweigen.
Auch unser eigener Wunsch muss für einen Augenblick schweigen.
Erst dann können wir fragen:
Solange ich nur darauf warte, dass Gott bestätigt, was ich bereits entschieden habe, höre ich nicht wirklich auf Gott.
Ich höre auf mich selbst und gebe meiner eigenen Stimme vielleicht nur den Namen Gottes.
Das ist eine große geistliche Gefahr.
Wir leben in einer Welt voller Lärm.
Nachrichten.
Telefon.
Internet.
Meinungen.
Diskussionen.
Bilder.
Sorgen.
Termine.
Auch unser Inneres kann voller Lärm sein.
Doch die Heilige Schrift zeigt uns im Propheten Elija eine wunderbare Erfahrung.
Es kommt ein gewaltiger Sturm.
Aber der Herr ist nicht im Sturm.
Es kommt ein Erdbeben.
Aber der Herr ist nicht im Erdbeben.
Es kommt Feuer.
Aber der Herr ist nicht im Feuer.
Danach kommt ein sanftes, leises Säuseln.
Und dort erkennt Elija die Gegenwart Gottes.
(vgl. 1 Kön 19,11–13)
Manchmal müssen wir leiser werden, damit wir ihn hören können.
Es gibt keinen mechanischen Test, aber es gibt wichtige Kriterien.
Die Stimme Gottes widerspricht nicht dem Evangelium.
Sie führt nicht zum Hass.
Sie führt nicht zur Verachtung eines anderen Menschen.
Sie nährt nicht unseren Hochmut.
Sie macht uns nicht zu Herren über andere.
Sie führt zur Wahrheit.
Zur Liebe.
Zur Barmherzigkeit.
Zur Gerechtigkeit.
Zur Demut.
Zur Versöhnung.
Und häufig schenkt sie trotz einer schwierigen Entscheidung einen tiefen inneren Frieden.
Jesus sagt:
„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“
(Mt 7,16)
Darum müssen wir nicht nur fragen:
„Was fühle ich?“
Sondern:
Auch hier müssen wir vorsichtig sein.
Manchmal kann ein Mensch sich ruhig fühlen, weil er sein Gewissen zum Schweigen gebracht hat.
Darum reicht das Gefühl allein nicht aus.
Geistliche Unterscheidung braucht mehrere Dinge:
Gebet.
Heilige Schrift.
Gewissen.
Vernunft.
Zeit.
Stille.
Und bei wichtigen Entscheidungen auch den Rat eines geistlich reifen Menschen.
Gott hat uns nicht den Verstand gegeben, damit wir ihn im Glauben ausschalten.
Ein echter geistlicher Weg fürchtet die Prüfung nicht.
Eine der Versuchungen Jesu betrifft Macht.
Der Versucher zeigt ihm die Reiche der Welt und verspricht ihm Herrschaft.
(vgl. Mt 4,8–10)
Auch heute ist Macht eine große Versuchung.
Nicht nur politische Macht.
Es gibt Macht in Familien.
Macht in Gemeinschaften.
Macht am Arbeitsplatz.
Und leider auch Macht in der Religion.
Ein geistlicher Dienst kann selbst zur Versuchung werden, wenn ein Mensch beginnt zu glauben:
„Die Menschen müssen mir gehorchen, weil Gott durch mich spricht.“
Hier müssen wir sehr vorsichtig sein.
Jesus zeigt eine andere Form von Autorität.
Er wäscht seinen Jüngern die Füße.
Je größer eine Verantwortung ist, desto größer muss die Demut sein.
Es gibt auch eine besonders gefährliche Versuchung:
Ein Mensch beginnt zu glauben:
„Ich bete mehr als die anderen.“
„Ich verstehe Gott besser.“
„Ich habe besondere Gaben.“
„Gott spricht zu mir.“
„Ich bin geistlicher als die anderen.“
Gerade ein Mensch, der Charismen besitzt oder einen kirchlichen Dienst ausübt, muss hier wachsam sein.
Denn eine Gabe Gottes kann missbraucht werden, um das eigene Ego zu vergrößern.
Der Heilige Geist aber führt zur Demut.
Je näher ein Mensch Gott kommt, desto mehr erkennt er, dass alles Gnade ist.
Bei den Versuchungen in der Wüste antwortet Jesus immer wieder mit der Heiligen Schrift:
Das Wort Gottes gibt Orientierung.
Darum ist die Bibel für die geistliche Unterscheidung unverzichtbar.
Wenn eine vermeintliche „Botschaft Gottes“ dem Geist des Evangeliums widerspricht, müssen wir sie zurückweisen.
Gott widerspricht sich nicht.
Der Heilige Geist führt uns zu Christus und erinnert uns an seine Worte.
Eine Versuchung ist gefährlich.
Aber eine überwundene Versuchung kann uns auch helfen, geistlich zu wachsen.
Sie zeigt uns unsere Schwachstellen.
Vielleicht entdecke ich:
Hier bin ich besonders stolz.
Hier bin ich verletzlich.
Hier suche ich Anerkennung.
Hier habe ich Angst.
Hier bin ich noch nicht frei.
Wenn wir diese Schwächen erkennen, können wir sie Gott hinhalten.
Dann wird aus der Erfahrung der Versuchung eine Schule der Selbsterkenntnis und der Demut.
Wir müssen nicht mit jeder Versuchung lange diskutieren.
Manchmal wird eine Versuchung stärker, je länger wir uns innerlich mit ihr beschäftigen.
Darum können einige einfache Schritte helfen:
Anhalten.
Nicht sofort reagieren.
Schweigen.
Die erste Emotion vorbeiziehen lassen.
Beten.
„Herr Jesus Christus, führe mich.“
Prüfen.
Was bewegt mich gerade wirklich?
Das Wort Gottes erinnern.
Was sagt Christus dazu?
Die Folgen betrachten.
Wohin führt dieser Weg?
Entscheiden.
Und dann die Entscheidung bewusst vor Gott treffen.
Manche Menschen fürchten die Stille.
Denn sobald es still wird, begegnen sie sich selbst.
Erinnerungen kommen hoch.
Ängste.
Wünsche.
Verletzungen.
Unruhe.
Aber genau deshalb kann Stille heilsam sein.
Im Schweigen lernen wir, nicht vor unserem Inneren davonzulaufen.
Und dort können wir Gott begegnen.
Es bedeutet Gegenwart.
Ich schweige nicht, weil niemand da ist.
Ich schweige, weil Gott da ist.
Oft ist unser Gebet voller Worte.
Wir sagen Gott, was wir brauchen.
Was wir wollen.
Was er tun soll.
Wen er heilen soll.
Welches Problem er lösen soll.
Das alles dürfen wir Gott sagen.
Aber Gebet braucht auch einen zweiten Teil:
Samuel sagt:
„Rede, denn dein Diener hört.“
(vgl. 1 Sam 3,10)
Vielleicht müssen auch wir wieder lernen, so zu beten:
„Herr, ich habe dir jetzt alles gesagt. Nun schweige ich. Sprich du.“
Ein wichtiges Zeichen der Stimme Gottes ist Freiheit.
Gott kann uns herausfordern.
Er kann uns korrigieren.
Er kann uns einen schwierigen Weg zeigen.
Aber er manipuliert uns nicht.
Er zerstört unsere Würde nicht.
Er versklavt uns nicht.
Jesus sagt:
„Die Wahrheit wird euch befreien.“
(Joh 8,32)
Wo Gott wirkt, wächst eine tiefere Freiheit:
Freiheit vom Egoismus.
Freiheit von Hass.
Freiheit von der Sucht nach Anerkennung.
Freiheit von der Herrschaft unserer Leidenschaften.
Freiheit, das Gute zu wählen.
Die große geistliche Frage lautet nicht nur:
Die wichtigere Frage lautet:
Denn in uns sprechen viele Stimmen.
Die Stimme des Wunsches.
Die Stimme der Angst.
Die Stimme der Leidenschaft.
Die Stimme des Stolzes.
Die Stimme des Egoismus.
Die Stimme der Macht.
Und deshalb brauchen wir Stille.
Nicht nur äußere Stille.
Vor Gott muss unser Ego schweigen.
Unsere Angst muss schweigen.
Unsere ungeordneten Wünsche müssen schweigen.
Unsere Vorstellung davon, was Gott sagen soll, muss schweigen.
Dann können wir beten:
„Herr, nicht was ich hören möchte, sondern was du mir sagen möchtest.“
Die Versuchung will den Menschen von Gott und von seiner wahren Freiheit entfernen.
Der Heilige Geist dagegen führt uns zu Christus, zur Wahrheit, zur Liebe und zur Freiheit.
Darum:
Denn manchmal spricht Gott nicht im Sturm.
Nicht im Lärm.
Nicht in der Macht.
Sondern ganz leise im Herzen des Menschen.
Herr, schenke uns ein hörendes Herz.
Lehre uns zu schweigen, damit wir deine Stimme erkennen.
Schenke uns deinen Heiligen Geist, damit wir das Gute vom Bösen unterscheiden und den Weg Christi wählen können.
+ + Gioacchino (Gino) Collica
Erzbischof und Katholikos
Katholisch-Apostolische Kirche Europa