Mit dem Herannahen der Herbstmonate und besonders des Novembers, in dem wir in besonderer Weise unserer Verstorbenen gedenken, möchte ich eine Betrachtung über ein Geheimnis anbieten, das uns alle betrifft.
Was geschieht nach dem Tod?
Kommt die Seele unmittelbar ins Paradies?
Bleibt sie noch eine gewisse Zeit auf dieser Erde?
Warum sprechen manche Traditionen vom dritten, neunten und vierzigsten Tag?
Warum beten wir für die Verstorbenen?
Warum feiern wir die Heilige Messe oder die Göttliche Liturgie für sie?
Warum geben wir Almosen und tun Werke der Nächstenliebe zu ihrem Gedächtnis?
Und warum besuchen und pflegen wir weiterhin ihre Gräber?
Das sind tiefe Fragen. Die Kirche beansprucht nicht, jedes Einzelne des Geheimnisses des Jenseits zu kennen. Deshalb müssen wir immer unterscheiden zwischen dem, was uns die Heilige Schrift lehrt, dem, was zum Glauben der Kirche gehört, und dem, was aus verschiedenen geistlichen und volkstümlichen Traditionen stammt.
Für den Christen bedeutet der Tod nicht die Vernichtung des Menschen.
Jesus sagt:
„Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“
(Joh 11,25)
Mit dem Tod endet unser irdisches Leben, und Leib und Seele werden voneinander getrennt.
Doch die christliche Hoffnung besteht nicht einfach darin zu sagen: „Die Seele lebt weiter.“
Wir bekennen im Glaubensbekenntnis:
„Ich erwarte die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.“
Auch der Leib ist zur Auferstehung bestimmt.
Am Ende der Zeiten wird Gott den Menschen in der Auferstehung zur Fülle des Lebens rufen.
Deshalb verachtet das Christentum den Leib nicht.
Jesus sagt zum guten Schächer:
„Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“
(Lk 23,43)
Der heilige Paulus bringt seinen Wunsch zum Ausdruck:
„aufzubrechen und bei Christus zu sein“
(vgl. Phil 1,23).
Die Heilige Schrift spricht jedoch auch von der endgültigen Auferstehung und vom Gericht.
Wir müssen deshalb unterscheiden zwischen dem Zustand des Menschen nach dem Tod und jener endgültigen Vollendung, die auf die Auferstehung der Toten folgen wird.
Wir können das Jenseits nicht beschreiben, als besäßen wir eine Landkarte der Ewigkeit.
Eines aber können wir bekennen:
Der Verstorbene ist in den Händen Gottes.
Hier müssen wir vorsichtig sein.
In den östlichen Traditionen gibt es geistliche Überlieferungen und Deutungen über den Weg der Seele in den Tagen nach dem Tod.
Wir dürfen diese Traditionen jedoch nicht zu einem Dogma machen, wonach jede Seele notwendigerweise vierzig Tage auf der Erde umherwandern müsse.
Was dagegen in der Kirche sehr alt ist, ist die Fürbitte für den Verstorbenen an bestimmten Tagen.
Die alten Apostolischen Konstitutionen erwähnen ausdrücklich:
den dritten Tag,
den neunten Tag,
den vierzigsten Tag
und den Jahrestag des Todes.
Der dritte Tag erinnert vor allem an Christus, der am dritten Tag auferstanden ist.
Der neunte Tag wurde in der östlichen Tradition zu einem besonderen Tag der Fürbitte für den Verstorbenen.
Der vierzigste Tag besitzt eine starke biblische Symbolik: Vierzig Tage dauerte die Sintflut, vierzig Jahre wanderte das Volk durch die Wüste, vierzig Tage fastete Christus, und vierzig Tage liegen zwischen seiner Auferstehung und seiner Himmelfahrt.
Auch die antiochenisch-orthodoxe Tradition bewahrt bis heute in besonderer Weise diese Gedächtnistage.
Ihre grundlegende Bedeutung besteht nicht darin, festzulegen, wo sich die Seele am dritten, neunten oder vierzigsten Tag befindet.
Ihre Bedeutung ist:
Die Kirche begleitet ihr verstorbenes Kind weiterhin mit ihrem Gebet.
Hier begegnen wir einem wichtigen theologischen Unterschied.
Die katholische Tradition des Westens hat eine präzise Lehre über eine Läuterung nach dem Tod entwickelt, die als Fegefeuer oder Purgatorium bezeichnet wird.
Das Fegefeuer ist keine zweite Hölle.
Es ist auch keine zweite Möglichkeit zur Bekehrung nach dem Tod.
Nach der katholischen Lehre des Westens handelt es sich um die endgültige Läuterung jener Menschen, die in der Freundschaft Gottes sterben, aber noch der Reinigung bedürfen, bevor sie vollkommen in die Freude des Himmels eingehen.
Die christliche Tradition des Ostens, einschließlich der antiochenischen Tradition, hat dieses Geheimnis im Allgemeinen nicht mit denselben theologischen Kategorien formuliert, die sich im lateinischen Westen entwickelt haben.
Der Osten lässt dem Geheimnis des Zustandes der Seele nach dem Tod gewöhnlich mehr Raum.
Aber Achtung:
Das bedeutet keineswegs, dass der Osten nicht für die Verstorbenen betet.
Im Gegenteil.
Das Gebet für die Verstorbenen nimmt in der östlichen Spiritualität einen sehr tiefen Platz ein.
Man erbittet von Gott:
Barmherzigkeit,
Vergebung,
Ruhe,
Licht
und Gemeinschaft mit den Heiligen.
Osten und Westen können unterschiedliche theologische Ausdrucksweisen verwenden, doch beide teilen eine uralte Überzeugung:
Die Kirche betet für jene, die im Herrn entschlafen sind.
Die Heilige Schrift enthält im Zweiten Buch der Makkabäer ein besonders wichtiges Zeugnis.
Judas Makkabäus lässt für die Gefallenen ein Sühnopfer darbringen:
„So ließ er für die Toten ein Sühnopfer darbringen, damit sie von ihrer Sünde befreit würden.“
(vgl. 2 Makk 12,45–46)
Der Tod zerstört die Gemeinschaft der Heiligen nicht.
Wenn wir der Leib Christi sind, dann wird die Verbindung der Liebe in Christus durch den Tod nicht einfach ausgelöscht.
Deshalb beten wir weiter.
Weil wir weiter lieben.
Unter allen Formen der Fürbitte nimmt die Feier der Eucharistie einen besonderen Platz ein.
Denn in der Eucharistie feiern wir das Geheimnis des Todes und der Auferstehung Christi.
Sowohl in der westlichen als auch in der östlichen Tradition werden die Namen der Verstorbenen im liturgischen Gebet genannt.
Wenn wir für unseren Vater, unsere Mutter, ein Kind, einen Bruder, eine Schwester, einen Freund oder einen Menschen, an den vielleicht niemand mehr denkt, eine Heilige Messe oder Göttliche Liturgie feiern lassen, beten wir:
„Herr, gedenke deines Dieners.
Vergib ihm seine menschlichen Schwächen.
Nimm ihn auf in deine Barmherzigkeit.“
So setzt die Kirche ihre mütterliche Fürsorge auch über den Tod hinaus fort.
Auch dies ist eine sehr alte Tradition.
Die Apostolischen Konstitutionen empfehlen im Zusammenhang mit dem Gedächtnis der Verstorbenen auch, den Armen Almosen zu geben.
Aber wir müssen dies richtig verstehen.
Das Paradies kann man nicht kaufen.
Die Barmherzigkeit Gottes kann man nicht kaufen.
Ein gutes Werk zum Gedächtnis eines Verstorbenen zu tun bedeutet, die Erinnerung in Liebe zu verwandeln.
Wir können sagen:
„Zum Gedächtnis meiner Mutter werde ich einer armen Familie helfen.“
„Zum Gedächtnis meines Vaters werde ich einem Menschen zu essen geben.“
„Zum Gedächtnis meines Kindes werde ich einem anderen Kind helfen.“
Dann geschieht etwas Wunderbares:
Dieser Mensch hat diese Erde verlassen, aber in seinem Namen entsteht weiterhin Liebe.
Warum gehen wir auf den Friedhof?
Ist das christlich?
Ja.
Aber nicht, weil wir glauben, dass die Seele unseres geliebten Menschen im Grab eingeschlossen sei.
Das Grab bewahrt den Leib; der Mensch selbst ist Gott anvertraut.
Und dieser Leib besitzt Würde.
Der heilige Paulus sagt:
„Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes.“
(vgl. 1 Kor 6,19)
Dieser Leib wurde getauft.
Er wurde gesalbt.
Er hat die Eucharistie empfangen.
Er hat gebetet.
Er hat gearbeitet.
Er hat gelitten.
Er hat Menschen umarmt.
Er hat geliebt.
Deshalb wird er auch nach dem Tod mit Ehrfurcht behandelt.
Und vor allem:
Dieser Leib erwartet die Auferstehung.
Am Grab des Lazarus geschieht etwas Außergewöhnliches.
Jesus wusste, dass er Lazarus wieder zum Leben rufen würde.
Und dennoch heißt es:
„Jesus weinte.“
(Joh 11,35)
Das bedeutet:
An die Auferstehung zu glauben bedeutet nicht, dass wir nicht weinen dürfen.
Trauer ist nicht das Gegenteil von Glauben.
Auch die Frauen gingen nach dem Tod Jesu zum Grab und brachten die vorbereiteten wohlriechenden Salben mit (vgl. Lk 24,1).
Und gerade am Grab erhielten sie die Botschaft:
„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“
(Lk 24,5)
Darin liegt die christliche Bedeutung des Friedhofs:
Wir betreten ihn mit dem Schmerz des Todes und sind dazu berufen, ihn mit der Hoffnung auf die Auferstehung wieder zu verlassen.
Eine Blume rettet keine Seele.
Eine Kerze kauft nicht das Paradies.
Aber beide können Zeichen unserer Liebe sein.
Die Blume sagt:
„Ich habe dich nicht vergessen.“
Die Kerze erinnert uns an Christus, das Licht, das von der Finsternis nicht überwunden werden kann.
Doch wir sollten nicht bei den äußeren Zeichen stehen bleiben.
Wenn wir auf den Friedhof gehen, beten wir.
Beten wir ein Vaterunser.
Einen Psalm.
Sprechen wir den Namen des Verstorbenen aus.
Bitten wir um Barmherzigkeit.
Das kostbarste Geschenk, das wir an ein Grab bringen können, ist nicht die teuerste Blume.
Es ist ein aufrichtiges Gebet.
Diese Wirklichkeit betrifft besonders viele Familien, die aus dem Osten stammen.
Sie leben in Deutschland, Frankreich, Italien oder anderen Ländern, während ihre Eltern und Großeltern in Syrien, im Libanon, im Irak, in der Türkei, in Armenien, Afrika oder anderen Ländern begraben sind.
Manche können nicht zurückkehren.
Manche haben nicht einmal mehr ein Grab, das sie besuchen könnten.
Manche Gräber wurden durch Kriege zerstört.
Was können wir tun?
Erinnern wir uns:
Für Gott gibt es keine Entfernung.
Wir müssen nicht körperlich vor einem Grab stehen, damit Gott unser Gebet hört.
Wir können zu Hause beten.
Wir können eine Kirche betreten.
Wir können die Eucharistie für den Verstorbenen feiern lassen.
Wir können eine Kerze anzünden.
Wir können ein Werk der Barmherzigkeit tun.
Wir können vor dem Allerheiligsten verweilen und diesen Menschen Christus anvertrauen.
Nicht weil wir behaupten, dass die Seele des Verstorbenen im Tabernakel wohne.
Sondern weil Christus der Herr über Leben und Tod ist.
Jesus sagt:
„Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn leben sie alle.“
(Lk 20,38)
Gerade im Blick auf diese Menschen haben wir in unserer Kirche zum Heiligsten Herzen Jesu in Duisburg einen besonderen Ort des Gedenkens und des Gebetes geschaffen.
Eine Gedenkstätte für jene, die die Gräber ihrer Angehörigen nicht besuchen können.
Besonders im Monat November kommen viele Menschen zu uns, die aus dem Osten stammen.
Sie bringen ein Foto.
Sie bringen eine Blume.
Sie zünden eine Kerze an.
Sie verweilen in Stille.
Sie weinen.
Sie erinnern sich.
Sie beten.
Die Fotos, die uns anvertraut werden, finden einen Platz in unserer Gedenkstätte, damit diese Gesichter und Namen auch im Gebet unserer Gemeinschaft in Erinnerung bleiben.
Wir glauben nicht, dass die Seelen an diesem Ort wohnen.
Es ist ein Ort der Erinnerung und des Gebetes.
Ein Ort, an dem der persönliche Schmerz von der christlichen Gemeinschaft aufgenommen und mitgetragen wird.
Seine Bedeutung haben wir mit folgenden Worten zum Ausdruck gebracht:
**„Sie alle hatten einen Ort zum Weinen,
einen Ort zum Lächeln,
einen Ort zum Leiden,
einen Ort zum Lieben.
Sie brauchen auch einen Ort,
an dem ihrer gedacht wird.“**
So findet auch derjenige, der ein weit entferntes Grab nicht erreichen kann, einen Ort, an dem er verweilen und beten kann.
Und dabei geschieht noch etwas Schönes.
Jemand kommt, um für seine Mutter zu beten, sieht das Foto der Mutter eines anderen Menschen – und betet auch für sie.
Jemand kommt, um seines Vaters zu gedenken, und beginnt auch für einen Verstorbenen zu beten, den er niemals gekannt hat.
So wird mein Schmerz zum Schmerz der Gemeinschaft und mein Gebet zum Gebet der Kirche.
In den östlichen Traditionen werden die Begräbnisliturgie und die Gedächtnisfeiern häufig vom Weihrauch begleitet.
Im Psalm heißt es:
„Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf.“
(vgl. Ps 141,2)
Der Weihrauch ist zunächst auf Gott ausgerichtet und versinnbildlicht unser Gebet, das zu ihm emporsteigt.
Doch in der Liturgie werden auch der Altar, das Evangelium, die Ikonen, die Geistlichen und das Volk beweihräuchert.
Auch der Leib eines verstorbenen Christen wird mit großer Ehrfurcht behandelt.
Warum?
Weil dieser Leib ein Tempel des Heiligen Geistes gewesen ist.
Wir beten den Verstorbenen nicht an.
Wir beten den Körper nicht an.
Unsere Anbetung gehört allein Gott.
Aber wir behandeln jenen Leib mit Ehrfurcht, der durch die Taufe, die Salbung, die Eucharistie und die Gegenwart des Heiligen Geistes geheiligt wurde und den wir in der Hoffnung auf die Auferstehung der Erde übergeben.
In unserer Gemeinschaft warten wir nicht erst auf den November.
Jeden Sonntag gedenken wir unserer Verstorbenen im Gebet.
Und das besitzt eine besonders tiefe Bedeutung.
Denn der Sonntag ist der Tag der Auferstehung.
Unsere Verstorbenen gerade am Tag der Auferstehung zu nennen bedeutet zu verkünden:
Das Grab wird nicht das letzte Wort haben.
Wir nennen ihre Namen.
Wir beten für sie.
Der Weihrauch steigt empor.
Wir feiern die Eucharistie.
Und wir vertrauen sie der Barmherzigkeit des Vaters an.
Dann glaube nicht, dass die Entfernung deine Liebe verhindern kann.
Geh in eine Kirche.
Zünde eine Kerze an.
Bring eine Blume.
Lass seinen Namen während der Eucharistie nennen.
Tu ein Werk der Barmherzigkeit zu seinem Gedächtnis.
Verweile vor dem Herrn.
Und sprich einfach seinen Namen aus:
„Herr, gedenke seiner.“
„Herr, gedenke ihrer.“
Und dann füge hinzu:
„Herr, gedenke auch all jener, an die niemand mehr denkt.“
Beten wir für die vergessenen Toten.
Für jene, deren Gräber niemand mehr besucht.
Für jene, die kein Grab haben.
Für jene, die fern ihrer Heimat ruhen.
Für die Opfer der Kriege.
Für jene, die im Meer gestorben sind.
Für jene, deren Körper niemals gefunden wurden.
Für jene, deren Namen niemand mehr ausspricht.
Die Kirche muss auch das Gedächtnis derer sein, die die Welt vergessen hat.
Wenn der November kommt und wir die Gräber unserer Angehörigen besuchen, sollten wir nicht bei den Blumen stehen bleiben.
Beten wir.
Lassen wir die Eucharistie für sie feiern.
Tun wir ein Werk der Barmherzigkeit.
Helfen wir einem armen Menschen.
Vergeben wir jemandem.
Zünden wir eine Kerze an.
Sprechen wir den Namen dessen aus, den wir geliebt haben.
Und wenn sein Grab auf der anderen Seite der Welt liegt, erinnern wir uns:
Gott ist diesem Menschen näher, als wir es jemals sein könnten.
Beten wir:
Herr Jesus Christus,
Du hast den Tod besiegt.
Gedenke unserer Väter und unserer Mütter,
unserer Kinder,
unserer Brüder und Schwestern,
unserer Priester,
unserer Freunde
und aller, die in der Hoffnung
auf die Auferstehung entschlafen sind.
Vergib ihnen, was sie in menschlicher Schwachheit begangen haben.
Läutere, was der Läuterung bedarf.
Heile, was der Heilung bedarf.
Nimm sie auf in deine Barmherzigkeit.
Schenke ihnen Ruhe dort,
wo es keinen Schmerz,
keine Trauer
und kein Seufzen mehr gibt,
sondern Leben ohne Ende.
Und wenn auch unsere Stunde kommt, schenke uns die Gnade, in deine Barmherzigkeit aufgenommen zu werden und an der Auferstehung des Lebens teilzuhaben.
Amen.
Der Tod trennt die Leiber,
aber er zerstört nicht die Liebe in Christus.
Das Grab erinnert uns daran, wo wir den Leib zur Ruhe gelegt haben.
Der Glaube erinnert uns daran, in wessen Hände wir den Menschen gelegt haben.
Darum vergisst die Kirche ihre Kinder nicht.
Auch nicht nach ihrem Tod.
† Erzbischof Gioacchino (Gino) Collica
Erzbischof und Katholikos der Katholisch-Apostolischen Kirche Europa